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Marcus Gräfe

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Samstag, 26. Januar 2019, 19:24

[Review] proDAD ERAZR V1 – Automatische Videoretuschierungssoftware

Vor Kurzem erhielt ich die Gelegenheit, die Software ERAZR V1 von der Firma proDAD zu testen. Dabei handelt es sich um eine Videoretuschierungssoftware, mit der man bewegte Objekte aus Videos entfernen kann. Laut Hersteller schnell, einfach und vor allem vollautomatisch.

Der Hersteller schreibt:
"Störende Objekte schnell und einfach unsichtbar machen!"
"Erazr kann Wunder bewirken – vollautomatisch und ohne jeden manuellen Aufwand"

Ob das wirklich so einfach geht? Das Produktvideo suggeriert das zumindest.


Etwas Begeisterung brach bei diesem Video schon bei mir aus, aber ohne eigenen Test glaube ich sowas nicht.

Ich bin, was Videoretuschen angeht, nicht unerfahren. Beruflich habe ich schon oft Retuschen gemacht, teilweise sehr aufwendige. Bisher habe ich diese mit Adobe After Effects erstellt, oft in Kombination mit Adobe Photoshop.

Die üblichen Schritte: Szene tracken, Bildauschnitt in Photoshop retuschieren, dann in After Effects übers Bild legen und noch Lichtwechsel, Rauschen usw. anpassen. Teilweise muss man aber auch Bildausschnitte mit After Effects aus anderen Bild- oder Zeitpositionen nehmen und als Patch drüber legen. Vor einem einfarbigen Hintergrund (z. B. eine Wand) ist das kein Problem, bei ruhiger oder sogar fester Kamera ist es noch einfacher (dann ist u. U. nicht einmal ein Tracking erforderlich). Aber einen komplexen Hintergrund realistisch und korrekt animiert zu ersetzen (um das Objekt zu überdecken), halte ich für eine sehr schwierige und zeitaufwendige Aufgabe. Wenn das von ERAZR mit wenigen Mausklicks realisiert werden kann, dann Hut ab!

Nun aber zu meinem Test.

Der erste Eindruck und die ersten Schritte:

Mir lag die Version 1.5.69/64bit vor. Installation und Freischaltung der Software waren schnell und einfach. Mit 154 MB ist die Installation auch relativ kompakt. Nach dem Start wird man von einer (in meinen Augen) schlichten Oberfläche begrüßt. Wer z. B. die Adobe-CC-Produkte gewöhnt ist, der wird die Oberfläche vmtl. recht altbacken finden. Aber gut, das Aussehen des Programms muss nichts mit der Funktion zu tun haben. Weiterhin gibt es überraschend wenig Bedienelemente. Das hat mich erst etwas schockiert, aber der Hersteller schreibt schließlich, dass man nicht viel machen muss. Also wofür unzählige Werkzeuge und Menüpunkte? ;)

Hier ein Screenshot der Programmoberfläche nach Erstellung eines leeren Projekts:



An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass der Bereich "Medien im schwarzen Bereich ablegen" die ganz Zeit am Blinken ist, was sehr nervig ist (solange keine Medien geladen wurden). Auch solange keine Maske gezogen ist, blinkt es. Außerdem ist mir aufgefallen, dass das Programm hin und wieder Grafikfehler in Windows verursachen kann, auch wenn es einfach nur minimiert geöffnet ist.

Hier noch eine kurze Info zum Testsystem: Intel i7-6700, 32 GB DDR4-RAM, nVidia GTX 1050 Ti 4GB, Windows 10 x64.

Bevor ich mir Handbuch oder Tutorials angeschaut habe, habe ich zunächst einmal zwei Tests gemacht, um zu sehen, ob das Programm intuitiv zu bedienen ist. Der erste Test war eigentlich nur interessehalber, weil die entsprechende Retusche mit dem Programm auch offiziell nicht möglich ist, nämlich ein Objekt zu entfernen, welches an einer Position stehen bleibt. ERAZR benötigt nämlich einige Sekunden bevor und nachdem das zu entfernende Objekt ins Bild geraten ist. Wenn das Objekt still bleibt, so wird einfach eine unscharfe Fläche drüber gelegt, aber gleichzeitig auch angezeigt, dass es nicht möglich ist ("Füllprobleme"). Das Tracking (Wackelkamera) war hier aber tadellos.

So sähe das dann aus:



Aber wie gesagt, für Standbildretuschen (als Video) ist das Programm vom Hersteller nicht ausgelegt!

Beim 2. Test hatte ich auf die Schnelle ein Auto entfernen wollen, welches mehr oder weniger auf die Kamera zufährt. Auch hier war das Tracking wirklich super und tatsächlich konnte das Auto ziemlich gut entfernt werden. Zumindest auf den einzelnen Bildern (ich hatte es mir nicht in Echtzeit als Video angeschaut). Allerdings sah man am Anfang des Videos nur die Vorderseite des Autos und entsprechend wurde nur die Vorderseite getrackt und entfernt. D. h. gegen Ende sieht man noch ein halbes Auto. Würde sich aber bestimmt mittels manueller Anpassung des Trackings beheben lassen.



Nach dem Grobtest, den ich "mal eben" zwischendurch durchgeführt habe, kann ich schonmal sagen, dass das Programm tatsächlich vielversprechend ist. Das Ergebnis, ohne auch nur eine Zeile irgendwelcher Anleitungen zu lesen und ohne manuelle Anpassungen des Trackings, ist schon nicht schlecht.

Der richtige Test:

Nachdem ich dann mal etwas mehr Zeit hatte, habe ich mich an den richtigen Test gemacht. Vorher habe ich das Handbuch gelesen und ein Tutorialvideo angeschaut. Wer bereits mit After Effects & Co. unterwegs war, dem wird da im Prinzip nicht viel neues erzählt. Es ist nur wichtig zu wissen, dass es hier und da noch Konfigurationsmöglichkeiten und spezielle Funktionen gibt, die nicht auf Anhieb ersichtlich sind. Zudem einige nützliche Tastenkombinationen. Nach 15 Minuten ist man im Prinzip mit allem durch und ist bereit für eine gute Retusche. ;)

Als erstes entschied ich mich für eine Szene, bei der ein Pferd samt Reiter auf einem Reitplatz unterwegs ist. Die Kamera stand auf einem Stativ und hat leicht mitgeschwenkt. Das Video lag als 1080p25 vor.



Leider hat das Tracking hier total versagt. Das Programm wollte einfach nicht das Pferd samt Reiter erkennen, es wurde immer nur der Hintergrund getrackt. Also war hier leider ein komplett manuelles Tracking erforderlich. Dieses ist zwar relativ unkompliziert, allerdings lassen sich die Masken nur in Breite, Höhe und Position verändern. Es war mir nicht möglich, einzelne Maskenpunkte anzupassen, um die Form zwischendrin zu verändern. Zumindest habe ich keine Möglichkeit gefunden.

Nach dem komplett manuellen Masken bewegen (natürlich muss man nicht jedes Bild ändern, sondern nur alle X Frames, denn der Zwischenraum wird, wie auch von After Effects & Co. bekannt, interpoliert) sah es dann so aus (Vorher/Nachher):



Eigentlich ganz gut, aber hier sehen wir nur ein Standbild. Ich wollte natürlich das Video sehen. Da eine Echtzeitvorschau nicht möglich war (vmtl. ist mein PC zu lahm), habe ich einen Export gemacht. Leider sind die Exportoptionen relativ eingeschränkt. Hier setzt man wohl eher auf Heimanwender, die mit den angebotenen vier Codecs in drei Containerformaten auskommen und denen eine Qualitätseinstellung "Niedrig, Mittel, Hoch" reicht. Hier muss ich leider sagen, dass das für den Profisektor nicht reicht. Zwar sind H.264 und H.265 durchaus akzeptable Formate, aber vielleicht möchte man unkomprimiert oder in einem anderen AVI- oder MOV-Codec exportieren. Das geht hier nicht.

Der erste Export sah leider alles andere als sauber aus. Rund um das Pferd sah man leider Kanten und Geflimmer. Zum Glück gibt es aber noch einige Optionen, die man bzgl. der Maske und der Füllung einstellen kann. Mit denen habe ich dann etwas herumgespielt und einen neuen Export gewagt. Ein 9-Sekunden-Auschnitt hat bei diesem Video übrigens ca. 2 Minuten exportiert (als H.264/MP4). Leider sah auch der 2. Export nicht gut aus.

Hier ein Auschnitt aus dem Clip:
erazr-clip1.mp4

Das Pferd nahm vorher ca. 1/3 bis 1/2 des Bildes ein.

Vielleicht würde man mit mehr manuellem Aufwand hier noch was reißen können, aber ich wollte eigentlich die "1-Klick-Lösung" sehen. Also habe ich diesen Clip erstmal beiseite gelegt und einen anderen getestet.

Zunächst diesen hier:
https://videos.pexels.com/videos/tractor…e-field-1560989
(Drohnenflug über Traktor, der auf einem Feld Gras mäht)

Auch hier, leider unmöglich zu tracken.

Dann den hier:
https://videos.pexels.com/videos/woman-w…the-rain-854368
(Frau läuft vor einem Gebäude entlang, Kamera fest)

Ich habe nur den Anfang bis Sekunde 4 verwendet. Die Frau ließ sich nicht tracken! Was ich in dem Fall echt nicht verstehen kann.

Leider bisher ziemlich enttäuschend, obwohl das Programm grundsätzlich zu funktionieren scheint.

Nächster Test, ein mit dem Programm mitgeliefertes Beispielvideo. Es handelt sich um ein kleines Fahrzeug, welches über eine Straße fährt (vmtl. auf einem Flughafen). Die Kamera ist an einem Ort, aber verwackelt.



Ich habe hiermit ein neues Projekt erstellt und nicht das Demoprojekt von proDAD genommen. Das Tracking lief tadellos, nur am Anfang und am Ende musste man leicht eingreifen (was aber verständlich war). Das Endergebnis war nahezu perfekt, auch im fertigen Export.

Wäre das mein erstes Testobjekt gewesen, so wäre ich sicher begeistert gewesen. Mit den Fehlversuchen vorher ist meine Meinung vom Programm bisher nur mittelmäßig. Aber noch ein letzter Test sollte es sein.



Die Frau links im Bild läuft von hinten nach vorne, leicht diagonal. Auch hier: Das Tracking geht nicht! Keine Chance... ABER: Laut Handbuch kann man auch eine kleine Maske verwenden, damit tracken, diese dann löschen und eine große Maske ums Objekt ziehen. Die Tracking-Keyframes werden dann für die neue Maske verwendet.

Das habe ich gemacht und tatsächlich, so geht's.

Auf dem folgenden Clip ist die Frau, die sich durchgehend auf der linken Seite befindet, komplett weg:
erazr-clip2.mp4

Nun gut, es gibt ein paar Reste in Form von Flimmern. Das bekommt man evtl. auch noch weg, was mir aber jetzt zu aufwendig war.

Wirklich der letzte Test, eine Schildkröte unter Wasser:
https://www.videvo.net/video/green-turtle/5503/

Ihr erahnt es womöglich schon: Das Tracking funktioniert nicht. Egal welche Maskenart ich wähle, egal wie groß oder klein diese ist, die Schildkröte wird nicht getrackt. Es wird immer nur der dahinterliegende Hintergrund bzw. Meeresboden getrackt. Der Trick mit der ganz kleinen Maske, um nur einen kleinen Bereich des Wasserbewohners zu tracken, hat hier leider nicht gut geklappt. Habe die Szene daher auch aufgegeben.

Fazit:

Der Tracker in proDAD ERAZR ist nicht schlecht. Aber auch nicht gut. Das Video muss anscheinend perfekte Bedingungen haben, damit dieser tadellos funktioniert. Handarbeit ist fast immer nötig. Das Entfernen des Hintergrunds funktioniert auf einzelne Bilder bezogen nahezu perfekt, im Kontext des gesamten Videos ist aber leider immer noch ein kleiner Rest zu erkennen. Auch hier ist immer Handarbeit nötig.

Einerseits finde ich es wirklich beeindruckend, dass es bei manchen Videos so gut klappt. Wie oben schon gesagt, wäre es bei manchen Videos mit klassischen Compositingprogrammen (After Effects & Co.) echt sehr aufwendig. Andererseits hält die Software nicht das, was sie verspricht, nämlich dass es schnell, einfach und vollautomatisch geht. Bei den meisten Videos wird man um Handarbeit nicht herum kommen, die teilweise auch etwas mehr sein kann.

Betrachtet man jetzt den Preis von 500 EUR, so sollte man sich überlegen, ob man nicht durchgehend mit Handarbeit arbeitet und dafür ein Programm hat, womit man auch andere Sachen machen kann. Für den gleichen Preis könnte man z. B. After Effects CC für fast 2 Jahre mieten.

Wer oft Retuschen in der Art machen muss, wie das Programm sie kann und wem auch klar ist, dass es eine echte Vollautomatiklösung nicht gibt, der kann ruhig zuschlagen. Denn grundsätzlich funktioniert es schließlich. Ich habe es aber mit keinem einzigen hochqualitativen Clip versucht, der womöglich deutlich mehr Unsauberheiten offenbaren würde (bei einem "matschigen" Video sind unsaubere Kanten nicht ganz so schlimm). Allen anderen würde ich empfehlen, ein anderes Programm zu suchen oder auf V2 von ERAZR zu warten (die natürlich getestet werden muss).

Weitere Infos gibt es auf der offiziellen Produktseite:
https://www.prodad.com/Video-Bearbeitung…59028,l-de.html

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